Ich könnte stundenlang über dieses Thema philosophieren – das „Nein“ im Tiertraining gehört zu meinen absoluten Lieblingsthemen. Es ist viel mehr als nur das Nicht-Ausführen von Verhalten. Ein „Nein“ ist Information. Kommunikation. Und ein wertvoller Moment der Selbstwirksamkeit für das Tier.
Ich möchte mich in diesem Zusammenhang ausnahmsweise einmal selbst zitieren:
„Freiheit ist nur dann gegeben, wenn ein ‚Nein‘ eine akzeptable Antwort ist.“
Im Training mit positiver Verstärkung bedeutet das: Ein „Nein“ ist nicht nur erlaubt – es ist ein essenzieller Bestandteil eines echten Dialogs. Denn alles, was kein eindeutiges „Ja“ ist, kann ein potentielles „Nein“ sein. Und ein „Nein“ heißt nicht zwingend „nie“. Oft ist es einfach ein „nicht jetzt“ oder „vielleicht später“. Es kann sich in winzigen Signalen zeigen: in einem Zögern, einem kurzen Blick zur Seite, in einer veränderten Haltung oder dem schlichten Ausbleiben eines Verhaltens.
In diesem Beitrag geht es jedoch nicht um die eindeutigen „Neins“ – wie das Verlassen einer Session, Beschwichtigungssignale oder offensichtliche Stressanzeichen. Diese Signale sollten bekannt sein und selbstverständlich erkannt und respektiert werden. Vielmehr geht es mir um den bewussten Umgang mit dem „Nein“ im Training insgesamt – insbesondere mit den weniger offensichtlichen Formen, die oft übersehen werden..

Kooperation beginnt mit Zuhören – und dem Default Behavior

Ich sehe häufig, dass ein „Nein“ erst dann wahrgenommen wird, wenn das Tier bereits deutliche Anzeichen von Unwohlsein zeigt. Das liegt meiner Ansicht nach nicht nur an mangelnder Kenntnis der Körpersprache, sondern auch daran, dass den Trainingsgrundlagen zu wenig Bedeutung beigemessen wird. Während viel Zeit in komplexe Protokolle wie Start Buttons oder Kooperationssignale investiert wird, beginnt echte Wahlfreiheit – also „Choice & Control“ – viel früher: beim sauberen Aufbau von Verhalten und bei einer zuverlässigen Signalkontrolle. Für mich gehört ein „Nein“ ganz selbstverständlich in dieses Konzept.

Die kleinste funktionale Einheit von „Choice & Control“ ist für mich ein solides Default Behavior bzw. Fallback-Verhalten. Beim Pferd nutze ich häufig: „Stillstehen (Nullposition) – vier Füße am Boden, Nase geradeaus“. Dieses Verhalten geht jeder Signalgebung voraus. Wenn mein Pferd dieses Basisverhalten zeigt, befinden wir uns in stiller Übereinkunft: es signalisiert mir als Trainer, dass das Pferd für die Weiterarbeit bereit und Aufnahmefähig ist – erst dann gebe ich ein neues Signal.

Natürlich kann dieses Verhalten je nach Kontext variieren – niemand würde vom Trab aus den Galopp mit einem „Stillstehen“ vorbereiten. Aber wenn das Default Behavior Teil des Trainingskonzepts ist, kann ich schon an seiner Ausführung erkennen, ob mein Tier bereit ist oder ob es Schwierigkeiten mit der Situation hat. Denn auch das Tier verinnerlicht, ähnlich wie bei anderen Kooperationssignalen, die eigens für diesen Zweck trainiert werden: nehme ich das Basisverhalten ein, folgt als nächstes ein Signal. Bei Wiederholungen des gleichen Verhaltens, kann es also situativ „Nein“ zum Verhalten oder zur Gesamtsituation sagen. Und spätestens wenn das Basisverhalten nicht mehr gezeigt wird, ist das für mich ein deutliches „Nein“.

Das Default Behavior hat nicht nur vorbereitenden Charakter – es dient auch als Absicherungsstrategie. Wenn ein Tier gelernt hat, dass es durch dieses Verhalten kommunizieren und Einfluss nehmen kann, muss es sich nicht auf aggressive oder gefährliche Strategien zurückziehen. Stattdessen greift es auf ein etabliertes Verhalten zurück, das funktioniert – weil es belohnt und gehört wird. Deshalb hat dieses Verhalten in meinem Training die höchste Belohnungshistorie. Denn in der Regel wird das Basisverhalten auch dann belohnt, wenn darauf nicht das gewünschte Verhalten folgt. Andernfalls würde das Nicht-Zeigen des Verhaltens und das alternative Anbieten des Default Behaviors einen Nachteil darstellen, der ggf. dazu führt, dass das Pferd dieses nicht zeigt. Es entsteht ein so genannter „Avoidance-Approach-Konflikt“. Dadurch, dass der Fehler erkannt wird und es im Anschluss nicht zur Wiederholung kommt, fällt hier das Belohnen der „Nichtausführung“ nicht ins Gewicht und geht zu Gunsten der Kooperation des Pferdes.

Ein wacher Blick genügt – wenn wir bereit sind, genau hinzusehen.

Kooperation braucht eindeutige Signale

Ein weiterer wichtiger Faktor im Umgang mit einem „Nein“ ist die Signalkontrolle. Vielen Menschen ist dabei gar nicht bewusst, wie sehr eine fehlende Signalkontrolle das Training beeinträchtigen kann – sie lassen im Alltag oft „fünfe gerade sein“ und meinen es gut, weil sie glauben, ihrem Tier dadurch mehr Freiheit oder Entspannung zu schenken. Andere wiederum sind der Meinung, dass eine hundertprozentige Zuverlässigkeit im Alltag nicht notwendig sei. Das mag für manche Situationen stimmen – für das Training jedoch ist eine präzise Signalkontrolle essenziell. Denn nur wenn ich weiß, wie mein Tier ein Verhalten normalerweise zeigt – prompt, sicher, sauber –, kann ich überhaupt erkennen, wenn etwas „nicht stimmt“.

Dabei geht es nicht nur um die saubere Ausführung auf ein Signal hin, sondern auch darum, dass das Verhalten unter verschiedenen Bedingungen abrufbar ist – es muss also generalisiert sein. Wenn ein Verhalten nur in ganz bestimmten, idealen Kontexten gezeigt wird, fehlt mir als Trainer*in die Sicherheit, ob ein Ausbleiben des Verhaltens wirklich ein bewusstes „Nein“ ist – oder ob das Tier die Aufgabe in der veränderten Situation schlicht (noch) nicht bewältigen kann.

Eine zuverlässige Signalkontrolle bedeutet daher auch, dass das Verhalten in verschiedenen Kontexten, Umgebungen und unter unterschiedlichen Reizbedingungen sicher gezeigt werden kann. Nur so kann ich das Verhalten im Training korrekt interpretieren. Eine zögerliche, veränderte oder ausbleibende Reaktion ist dann nicht einfach ein Fehler, sondern ein Hinweis, den ich ernst nehme.

Man könnte sogar sagen: Signalkontrolle ist eigentlich eine Suggestivkontrolle. Denn auch wenn ich ein Verhalten gezielt abrufe, ist es in der positiven Verstärkung stets ein Angebot des Trainers. Das Tier entscheidet, ob es diesem Vorschlag folgt – und genau das macht Signalkontrolle so wertvoll. Sie basiert nicht auf Zwang, sondern auf Verlässlichkeit, Motivation und eine etablierte, auf Vorhersehbarkeit beruhende Kommunikation.

Gerade in diesem Zusammenspiel wird deutlich, wie eng Signalkontrolle, Kooperation und das Konzept des „Neins“ miteinander verwoben sind: Nur wenn ein Tier die Freiheit hat, ein Signal auch abzulehnen, kann von echter Kooperation die Rede sein. Doch diese Freiheit setzt voraus, dass das Tier überhaupt versteht, worum es geht.

Verlässlichkeit im Training bedeutet aus Sicht des Pferdes nicht nur, dass das Signal bekannt ist – sondern auch, dass es sich auf eine vorhersehbare Reaktion seinerseits verlassen kann. Das heißt: Nur wenn das Pferd klar erkennen kann, welches Verhalten gefragt ist, und wenn es mit nachvollziehbaren Konsequenzen rechnen kann, ist es überhaupt in der Lage, bewusst zu kommunizieren. Ein Nein ist dann nicht Ausdruck von Verwirrung oder Unsicherheit, sondern eine informierte Entscheidung im Rahmen eines transparenten Dialogs.

Die Qualität unserer Kommunikation misst sich also nicht nur an der Konsistenz in der Ausführung, sondern daran, wie deutlich wir auch das Nichtausführen als Teil des Dialogs anerkennen.

Kooperationssignale sind kein Ersatz für fehlende Grundlagen

Kooperationssignale wie Startbuttons, Ausstiegsverhalten oder „medizinische Haltetargets“ haben zweifellos ihren festen Platz im modernen Tiertraining – und ihre Faszination ist berechtigt. Sie ermöglichen Tieren, aktiv an Prozessen mitzuwirken und die Kommunikation auf ein neues Niveau zu heben. Doch allzu oft geraten dabei die Grundlagen in Vergessenheit. Viele Trainerinnen sind von der Idee dieser fortgeschrittenen Konzepte begeistert – zu Recht –, verlieren darüber aber mitunter den Blick für das Fundament. – und ihre Faszination ist berechtigt. Sie ermöglichen Tieren, aktiv an Prozessen mitzuwirken und die Kommunikation auf ein neues Niveau zu heben. Doch allzu oft geraten dabei die Grundlagen in Vergessenheit. Viele Trainerinnen sind von der Idee dieser fortgeschrittenen Konzepte begeistert – zu Recht –, verlieren darüber aber mitunter den Blick für das Fundament.

Dabei gilt: Auch das klarste Kooperationssignal funktioniert nur dann zuverlässig, wenn die Basis stimmt. Körpersprache, Default Behavior, Signalkontrolle – all das muss im Vorfeld sicher etabliert sein. Ansonsten kommt es häufig zu Situationen, in denen das Tier vermeintlich „Nein“ zu einem bestimmten Verhalten sagt, obwohl das eigentliche „Nein“ viel früher entstanden ist: vielleicht beim unklaren Startsignal, in einem nicht verinnerlichten Ablauf oder weil das Tier schlicht nicht verstanden hat, was von ihm erwartet wird.

Das „Nein“ richtet sich dann nicht gegen die trainierte Kooperation an sich, sondern gegen Missverständnisse, Unklarheiten oder Überforderung, die auf fehlende oder lückenhafte Grundlagen zurückzuführen sind. Deshalb gilt für mich: Erst wenn die Basis sicher sitzt, ist es sinnvoll, mit Kooperationssignalen zu arbeiten. Natürlich gibt es Ausnahmesituationen – etwa wenn unter Zeitdruck gezielte Verhaltensweisen trainiert werden müssen. Aber für den Großteil der alltäglichen Trainingssituationen gilt: Ohne solides Fundament keine echte Wahlfreiheit.

Ein echter Dialog entsteht, wenn beide bereit sind, sich einander zuzuwenden.

Struktur gibt Sicherheit – das „Nein“ als Einladung zum Umdenken

Wie ich konkret auf ein „Nein“ reagiere, hängt immer vom Kontext ab. Wenn ich ein Verhalten als sicher etabliert empfinde und es plötzlich nicht mehr gezeigt wird, gebe ich das Signal meist noch ein zweites Mal. Bleibt die Ausführung dann erneut aus, gehe ich in eine erste Analyse. Bei einem gut trainierten Verhalten ist das zweite Ausbleiben für mich meist schon ein deutliches „Nein“. Wird das Verhalten zwar ausgeführt, aber zögerlich oder in veränderter Qualität, breche ich nicht sofort ab – aber ich werde aufmerksam. Viele dieser Prozesse laufen im Training intuitiv – im Flow – ab.

Denn letztlich ist jedes „Nein“ ein Hinweis darauf, dass etwas im System nicht passt. Und genau das macht es für mich so wertvoll: Es lädt mich als Trainerin dazu ein, meine Planung, meine Kommunikation und mein Vorgehen zu hinterfragen – nicht im Sinne eines Fehlers, sondern als Chance zur Verbesserung. Das „Nein“ wird damit zur Einladung zum Umdenken.

Ein Gedanke, der mir besonders wichtig ist: Im Training mit positiver Verstärkung gibt es eigentlich keine Notwendigkeit für ein „Nein“ – zumindest nicht aus Sicht des Tieres. Anders als bei negativer Verstärkung, bei der Vermeidung häufig eine logische Strategie darstellt, ist ein „Nein“ im R+ immer ein Hinweis darauf, dass etwas im Aufbau oder im Kontext nicht stimmt. Und genau das kann ich beeinflussen.

Für mich gibt es drei zentrale Bereiche, die ich bei einem „Nein“ überprüfe:

  • die Signalgebung
  • die Motivation
  • körperliche oder psychische Ursachen

Frei nach dem Motto: „Ein Fehler ist eine Information“ – für den Trainer, nicht für das Tier. Und genau hier schließt sich für mich der Kreis vom „Nein“ zum „Fehler“: Ein „Nein“ ist kein Fehler im klassischen Sinne – das Tier verhält sich nicht falsch. Vielmehr gibt es mir als Trainerin wertvolle Informationen über mögliche Schwächen im Aufbau, Missverständnisse in der Kommunikation oder äußere Einflüsse, die ich vielleicht übersehen habe. Es ist ein Anlass, mein Vorgehen zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.

Wie tief ich in diese Analyse einsteige, hängt von der Situation ab. Manchmal reicht ein kurzer Moment, manchmal ist eine intensivere Reflexion nötig. Ich habe dafür meine persönliche Reihenfolge, und vieles läuft mit der Zeit intuitiv ab und ist eine Sache, die mit der Erfahrung immer natürlicher wird.

Manchmal ist es hilfreich, sich dafür ein strukturiertes Vorgehen zu schaffen. In meinem kostenlosen Videokurs zum Thema „Troubleshooting“ stelle ich genau solche Situationen und Lösungsansätze detailliert vor. Dort zeige ich auch mein „Troubleshooting Flowchart“ – eine Art Entscheidungsbaum, der mir hilft, in herausfordernden Trainingsmomenten den Überblick zu behalten und klar zu entscheiden, welche Anpassung sinnvoll ist. Das Flowchart steht dort ebenfalls zum Download bereit. Schaut dort gerne vorbei, wenn ihr tiefer in das Thema einsteigen möchtet.

Ein „Nein“ eröffnet den Weg zu Kooperation und Vertrauen

Am Ende steht für mich immer der Gedanke: Im Training mit positiver Verstärkung muss das Tier nicht verstehen, dass es etwas „falsch gemacht“ hat. Denn aus seiner Sicht gibt es keine Fehler – nur funktionales Verhalten. Wenn ein Tier „Nein“ sagt, sagt es gleichzeitig „Ja“ – zu Sicherheit, zu Rückzug, zu Kontrolle über die Situation oder schlicht zu einem Bedürfnis, das wir möglicherweise übersehen haben.

Ein „Nein“ bietet uns damit die wertvolle Chance, Vertrauen und Kooperation langfristig zu stärken. Denn jedes Mal, wenn wir ein „Nein“ nicht ignorieren oder übergehen, sondern respektvoll darauf eingehen, zeigen wir dem Tier: Du wirst gehört. Deine Rückmeldung zählt. So entsteht ein echter Dialog auf Augenhöhe – und genau darin liegt für mich die Grundlage für eine stabile, belastbare Trainingsbeziehung. Nicht weil immer alles klappt, sondern weil auch das Nicht-Klappen seinen Platz hat.

Und genau diese Perspektive macht das Training für mich so besonders: Es ist nicht einfach ein Aneinanderreihen von Signalen und Reaktionen. Es ist ein Dialog – einer, in dem Zuhören manchmal wichtiger ist als Sprechen. Einer, in dem das „Nein“ nicht das Ende des Trainings ist, sondern der Beginn von echtem Verständnis.

Wenn wir lernen, auch die leisen „Neins“ zu hören, wird Training nicht nur effektiver – sondern auch respektvoller.

Kooperation ist dann am stärksten, wenn sie sich leicht anfühlt.

Ich stecke viel Herz und Zeit in das Schreiben meiner Artikel, um wertvolle Informationen rund um positive Verstärkung und pferdefreundliches Training bereitzustellen. Wenn dir dieser Beitrag gefallen hat, würde ich mich riesig freuen, wenn du ihn teilst – als kleines Dankeschön und damit noch mehr Menschen von diesem Wissen profitieren können.